Nach der Ruhe von Ladakh zog hielt es uns nicht lange im hektischen
Delhi und so beschlossen wir, nach Haridwar zu fahren. An ausverkaufte
Züge wegs Festivalzeit sind wir ja schon gewohnt und
so buchten
wir zwei Plätze im Delux-Bus. Delux stellt sicher, dass pro
Sitzplatz
nur eine Person anzufinden ist und zudem die Sitzposition verstellbar
ist. Udos
Sitz war sogar so delux, dass sich die Rückenlehne gar nicht
mehr
feststellen liess. Da, wie schon erwähnt, Festivalzeit war,
wurde der
Bus bis auf
den letzten Platz voll. Und obwohl jeder eine
Platzreservierung
hat, war es wieder einmal viel Diskussion und Geschrei, bis wir endlich
durch die Nacht fuhren.

Wir waren froh, aus Delhi
ohne
grössere Verluste und sonstigen
Gaunerein herausgekommen zu sein. Die Leute in Delhi sind immer
freundlich und hilfsbereit - ob man will oder nicht. Und
üblicherweise
stimmt die
Auskunft auch nicht, sondern zielt nur darauf ab, einen irgendwohin zu
schleppen. Sollten wir doch in einem angeblich offiziellen
Büro von AirIndia für die
Rückbestätigung unserer
Flugtickets 60 US$ zahlen!!!!
Als
unser Bus also
im Morgengrauen stoppte, waren wir voll freudiger Erwartung, was
Haridwar
wohl bringen mag. Der Busfahrer gab irgendwelche Instruktionen und
alles
strömte aufgeregt rein und wieder raus und so
überkamen uns
doch erste
Zweifel, ob wir wirklich schon in Haridwar sind. Nach etlichem hin und
her (denn
über Nacht hatten alle Englisch verlernt, die sich abends noch
mit uns unterhalten hatten) stellte
sich heraus, dass wir eine vollständige
Sightseeingtour inkl. Rückfahrt
nach Delhi gebucht hatten! Der Kommandoton des Guides war uns doch
etwas zu
anstrengend, um dies noch 5 weitere Stunden zu ertragen und so suchten
wir eine Riksha
und tuckerten zwei Stunden durch den Morgen, bis wir
tatsächlich in Haridwar ankamen!
Haridwar - das "Tor (dwar) Gottes (hari)" liegt malerisch am
Fuße des Himalayas und ist im Hinduismus einer der sieben
heiligen Pilgerstätten am
Ganges.
Der heilige Fluß tritt hier aus
dem Himalaya hervor und die
Har-ki-Pairi
Ghat
(wörtlich: Fußstapfen Gottes) kennzeichnet
für die
Hindus die Stelle, an der der Fluß den Berg
verlässt. So
pilgern unzählige von Leute hier her, um sich ein besseres
Karma
durch ein Bad im
Ganges zu verschaffen.

Nach Delhi ist
Haridwar eine Erlösung. Man kann durch die
Basare
schlendern, ohne das ständige "Hello Sir, look" oder "make you
a verry good price"
und auch die Riksha-Fahren haben nach einigen Tagen begriffen, dass wir
lieber laufen. Es sind sehr wenige westliche
Touris hier, so dass
wir (insbesondere Moni)
eine Attraktion waren. Als der erste Bursche uns mit "One foto"
anspricht, dachten wir, wir sollten ein Foto von ihm und
seinen
Kumpels
machen. Aber weit gefehlt: jeder wollte uns mit auf dem Bild dabei
haben. An
Erfahrung dazugewonnen schaffen wir es
inzwischen, im richtigen Moment abzubrechen, bevor die indische
Begeisterung eskaliert und für uns nicht mehr handelbar wird!

Immer wieder ein
Abenteuer ist das Zugfahren: Wir
wollten nur von Haridwar nach Delhi zurück. Mit dem
Ausfüllen
des
ominösen Fresszettels mit Zugnummern und etlichen privaten
Daten
haben wir ja schon Erfahrungen gesammelt. Danach stellt man sich in
einer Schlange
an und man steht, und steht, und steht sich die Beine in den Bauch.
Dann
die Abwechslung: da versucht sich doch tatsächlich einer
vorzudrängeln: erst steht er völlig unbeteiligt da,
dann
richtet er den Blick auf
den scheinbar Schwächsten in der Schlange, dann versucht er
eben
diesen vor dem
Schalter wegzudrängen! Ohhhh, das gefällt dem
Hintermann gar
nicht und schneller als gewohnt wird da die indische
Zurückhaltung
abgelegt
und der sonst so sanftmütige, einfache Inder wird wirklich
wild
(vielleicht
sollte man dazu sagen, dass bis hierher immerhin schon 3 Stunden
vergangen sind). Mit viel Gestik und einer Mischung zwischen laut
und doch
gedämpft
wird der Drängler von hinten solange beschimpft, bis
er, wie
ein
beim an's falsche Eck pinkeln ertappter Hund,
reumütig den
Kopf senkt (wobei dieser
Vergleich etwas hinkt, denn in Indien pinkelt alles und jeder
überall
hin), um sein Glück dann mit Bakschisch beim
Chief-ticket-seller
zu probieren, was zu unserem Erstaunen sehr oft erfolglos
blieb.

Einige Zeit später scheint uns endlich
das Nirwana in Form des Ticketdesk in
greifbarer Nähe: nur noch ein Kunde vor uns, einen
Drängler
erfolgreich durch Brust-heraus und Grossmachen (was Udo nun wirklich
nicht sonderlich schwer
fällt) in die Flucht geschlagen... der Beamte am Schalter
lächelt - das
hat er den ganzen Tag noch nicht, und bewegt sich - häh wieso
bewegt
der
sich - und dreht sich von uns weg, steht auf - wir schauen uns
ungläubig
an... Haben wir etwas verbrochen oder riechen wir heute streng?
Evtl. unzüchtiges Verhalten? Nein, unser Hinterwarter
klärt
uns
auf: 11 Uhr bis 11:15 Uhr Tea break, und die wird natürlich
pünktlich um 10:55
begonnen. Nach weitern 25 Minuten des Wartens - endlich er bewegt sich
wieder,
setzt sich auf seinen Stuhl, ignoriert uns, zählt
Geld,
loggt
sich in seinen Computer ein und - nichts geht - der Bildschirm
bleibt
schwarz, Computer ist TOT und der liebe Udo gleich ganz Rot
im
Gesicht. Also
nochmal ein loggen und endlich geht das Sch...ding. Hoch lebe
die
High Tech. Da fehlt noch die
Unterschrift auf dem heiligen Zettel und die übliche
Diskussion über unsere
nichtvorhandene permanente
indische Adresse, und tatsächlich, es wurde
wahr: wir
hatten
Zugtickets samt Reservierung: nur für den FALSCHEN ZUG!!! Da
konnten wir nur
noch Lachen und entschieden uns: heute nicht nochmal. Im
Hotel
haben
wir die Geschichte dem Hotel-Manager erzählt, welcher uns tags
drauf für
100 Rupies einen seiner Boys zum Ticket umtauschen schickte - was
auch hervorragend geklappt hat. Warum nicht gleich so.
Dann die Zugfahrt selbst. Dem normalen Inder ist es nicht
möglich in
einen stehenden Zug einzusteigen. Selbst wenn es sich um eine
reservierte
zweite Klasse handelt und jeder Anspruch auf einen Sitzplatz hat, wird
schon während des einfahrenden Zuges mit vollem
Gepäck auf den Wagen
gesprungen. Und hat man sich erfolgreich zu seinem Plätzchen
durchgekämpft, haben
es sich dort bestimmt schon drei Inder pro Platz bequem gemacht. Kurz
laut (Udo's Spezialität seit Indien) und siehe da, wir sitzen,
auf
unseren reservierten Plätzen! Und nette Abteilgenossen gabs
gratis
dazu. Eine
Family aus Bangladesch und einer Lady aus Goa, und für uns
viel
informative Unterhaltung und Unmengen an Süssigkeiten! Es gibt
eben
Inder und
Inder! Aber so ist Indien: Im einem Moment hasst man es und kann es
schier
nicht mehr ertragen, um dann gleich wieder völlig fasziniert
und
begeistert. Ein Land der Extreme - in jeder Hinsicht!
Wieder in Delhi hat es Udo doch noch erwischt: Durchfall und etwas
Fieber. So reduzierten wir unsere Aktivitäten auf ein Minimum
und
lassen unseren Aufenthalt in Indien langsam ausklingen. Mit einem
lachenden und einem weinenden Auge verlassen wir Indien und
können
Hermann Hesse nur zustimmen:
"Wer einmal nicht nur mit
den Augen,
sondern mit der Seele
in Indien
gewesen ist,
dem bleibt es ein Heimwehland.”