
Nachdem in der ersten
Zeit der Reise die Eindrücke nur so über uns herein
geprasst sind, haben wir uns inzwischen im Hochhimalaya gut
akklimatisiert und gleichen uns langsam dem Rhythmus der Ladakhis an.
Wieder einmal mehr sind wir beeindruckt von der einzigartigen Natur des
Himalayas. Wir beginnen zu begreifen, warum die Menschen gerade hier
einen Grad an Spiritualität erreicht haben, der kaum anderswo
auf der Welt zu finden ist. Nach dem hektischen, lauten und chaotischen
"Indien", ist Ladakh wie eine Oase der Ruhe und das Erblicken der
ersten Stupas war Balsam für unsere Seelen.
Hält der Tourismus Leh sonst fest in seinen Händen,
haben wir ausgesprochenes Glück. Die Saison endet inzwischen
und es wird jeden Tag merklich ruhiger. Immer mehr Geschäfte
und Hotels schließen und wir restlich verbliebenen Touris
kennen uns inzwischen auch schon fast alle untereinander. Von den
verbliebenen Shopbetreibern werden wir täglich zum Chai
und Philosophieren eingeladen. So kann es vorkommen, dass
der Weg zurück ins Hostel ungeahnte Längen annimmt.
Oder wir finden uns nach einer zufälligen Begegnung mit einer
einheimischen Frau plötzlich in ihrer Küche wieder
und werden lecker bekocht und mit Buttertee versorgt.

Nach einigen Tagen brachen wir zu einer Viertagestour in die Berge auf:
mit Guide *auch Koch*, Ponyman samt seinen drei Ponies und unserem
dänischen Freund Michael. Schon als wir starteten, war es sehr
bewölkt und zwischendurch regnete es leicht. Na ja, wir sind
ja nicht aus Zucker und das wird schon gehen. Abends am Zeltplatz
angekommen wurde es schon deutlich unangenehmer (immerhin auch
über 4000 Höhe) und als wir morgens aus dem Zelt
blickten, standen die armen Ponies in 20 cm Schnee.... Das Zelt der
Guids war unter der Last des Schnees zusammengebrochen und auch durch
unseres kroch langsam die Feuchtigkeit nach innen. Da keine
Wetterbesserung in Aussicht war und Michael der festen Meinung war, er
hätte genug Kälte zu Hause und er sei in Indien, denn
„India is a warm country“ - beschlossen wir, wieder
zurück zu wandern. Durchnässt und verfroren kamen wir
am Trackpoint an und wurden auch gleich von einer Ladakhi-Frau
eingesammelt und es gab zu Buttertee zum Aufwärmen. Wie waren
wir froh, wieder im trockenen Hotelzimmer zu sein. Der Spruch
„India is a warm country“ wurde zum running gag und
Michael machte sich auch bald in Richtung Südindien auf... Als
Entschädigung für die entgangenen zwei Tage lud
Karma, unser tibetischer Guide, uns dafür zu sich nach Hause
zu superleckeren Mutton-Momos ein, der tibetische Variante von
Maultaschen!

Ein paar Tage später hat uns unser Hotelmanager, geplagt vom
schlechten Gewissen wegen der abgebrochen Tour, ein sehr gutes Angebot
für einen 6-Tages-Treck gemacht. Da konnten wir ja nicht
wiederstehen und es wurde zu einem unvergleichbaren Erlebnis: Tagelang
durch die Stille und Einsamkeit des Himalayas wandern und nur dem
eigenen Atem lauschen - der bisweilen auch in heftiges Keuchen
übergeht... Selbst weit entfernte Berge scheinen in der
glasklaren Luft zum Greifen nahe. Vorbei an prächtigen
Klosteranlagen, die in ihrer exponierter Lage wie mit den Felsen
verschmolzen zu sein scheinen.
Die Rückkehr nach Leh fühlt sich an wie nach Hause zu
kommen. Es ist jetzt auch schon die vierte Woche, die wir hier im
Hostel sind. Wir sind inzwischen auch die letzten Gäste und
mit unserer Abreise schließt auch diese Unterkunft. Im Ort
werden wir wie alte Bekannte begrüßt und allzu oft
schallt uns das fröhliche, unbeschwerte Julee entgegen,
verbunden mit einem herzlichen Lächeln. Ja, wir
fühlen uns mit Land und Leute sehr verbunden. Die
verbleibenden Tage vergehen viel zu schnell und wir sind
erfüllt von Besuchen bei
örtlichen
Schamanen und der Puja
in der
Gompa
Thikse. Ereignisse, die uns maßgeblich
geprägt haben und von denen wir noch lange zehren werden. So
fällt das Abschiednehmen leichter, denn wir tragen ein
Stück Seele des Landes tief im Herzen.