Auf dem Weg zu einem ladakhischen Orakel

Ladakh

Orakel oder Lhama/Lhamo ist die übliche Bezeichnung für tibetische Schamanen, welche die Fähigkeit besitzen, Geistwesen aus den höheren Welten zu empfangen. In der tibetischen Kultur hat das Orakelwesen eine uralte Tradition, die schon Jahrtausende vor der Einführung des Buddhismus bestand. Die damals vorherrschende Bön-Religion ist ein schamanistisch geprägter Animismus mit stark magischen Zügen. Das schamanische Gedankengut des Bön ist im tibetischen Orakelwesen auf einzigartige Weise mit der komplexen Philosophie des Buddhismus verschmolzen. Die Effektivität ihrer Verschmelzung beweist, dass sich die beiden verschiedenen Weltbilder gegenseitig nicht ausschließen, sondern sich vielmehr ergänzen und bereichern.

Im Leben der Ladakhi und Tibeter spielen Orakel eine wichtige Rolle. Selbst die Regierung befragt vor großen Entscheidungen stets das Staatsorakel. Je höher die Herkunft ihrer Geister, desto größer ist das Ansehen des Orakels. Dabei spielt es keine Rolle, welche Stellung das Orakel im "normalen" Leben hat. Die beiden Orakel, die wir besuchten, waren beides einfache Frauen. Um sich in Trance zu versetzen, schlägt das Orakel die Trommel, während sie ihre alten Hymnen singt und die Kräfte des angerufenen tibetischen Lhamas um seine Hilfe und seinen Segen bittet. Wir fühlen uns in eine ferne, fast verloren geglaubte Zeit versetzt. Der Rhythmus der Trommel wird immer intensiver und mit einem nach innen gekehrten Blick ruft das Orakel einen nach dem anderen von uns zu sich, um unsere Fragen zu beantworten (in tibetisch, während sie im "normalen" Leben nur Ladakhi spricht) oder Heilungen durch Extraktion durchzuführen.

Mit dem sogenannten Röntgenblick der Trance kann das Orakel Felswände und Mauern ebenso mühelos wie den menschlichen Körper durchdringen. Krankheiten und Störungen können umgehend erkannt werden. Wirkliche Heilung kann aber nur erfolgen, wenn der Kranke selbstverantwortlich mitarbeitet, seine destruktiven Denkmuster und Verhaltensweisen ändert, die von den Geistern der Lhamo's während der Behandlung schonungslos aufgedeckt werden. Während unseres Besuches wurde dabei eine Frau ganz schön zur Brust genommen, bis auch sie schließlich den Segen der Lhamo erhielt.

Wir überlassen uns völlig dem Ritual, den Rhythmen der Trommel und den Mantren. So ist es nicht verwunderlich, dass Udo bei der abschließenden Segnung auch in Trance verfällt und die beiden sich in zwei völlig verschiedenen Sprachen zu unterhalten beginnen. Und auch Moni findet sich nach einiger Zeit im Zimmer wieder, tief bewegt, tränenüberströmt und mit zitterndem Körper. Alle Anwesenden sind von der Unmittelbarkeit und Ganzheitlichkeit des schamanischen Heilrituals tief berührt.