Tane Mahuta
Die Schöpfungsgeschichte der Maori
Den Legenden der Maori
zufolge stand am Anfang aller Zeit das Nichts (te kore), und alles
Leben entstand in einer langen dunklen Nacht (te po) durch die
Ureltern, rangi
- den Himmelsvater und die Erdmutter papa.
Sechs ihrer vielen Kinder hatten eines Nachts genug von der ewigen
Dunkelheit und berieten, wie sie Licht schaffen könnten. Der
Wildeste, tu matauenga,
schlug vor, die Eltern zu töten; doch tane mahuta,
späterer Erschaffer des Waldes und seiner Lebewesen,
widersprach und wollte sie nur trennen. Alle, tangaroa,
Schöpfer der Meere und seiner Lebewesen, rongo und haumia, Erschaffer
der Nahrung, und auch tu
matauenga stimmten schließlich zu. Lediglich tawhiri-ma-tea
schwieg dazu.
Alle Versuche, die miteinander verwachsenen Eltern zu trennen, schlugen zunächst fehl. Erst tane mahuta gelang es schließlich, mit aller Macht, sie langsam auseinander zu stemmen. Rangi und papa schrien vor Schmerzen, doch tane mahuta ließ nicht nach und drückte den Himmel nach oben, so daß der erste Tag begann. Tawhiri erfüllte dieser Verrat am Vater mit Zorn und Haß, und er folgte ihm. Von oben schickte er Wirbelstürme, Eiswinde und Staubstürme und fuhr in tane mahutas Wälder, denn dort hatten sich die Brüder versteckt. Er entwurzelte Bäume und griff rongo-ma-tane und haumia-tikitiki an, die nun schutzlos waren.
Doch papa schützte ihre Kinder, indem sie sie zu Süßkartoffeln und Farnwurzeln werden ließ. Tangaroa, von seinen Brüdern verlassen, floh erbost ins Meer. So versucht noch heute das Meer, sich in das Land zu graben. Einzig tu matauenga widerstand den Winden tawhiris, bis Frieden zwischen Himmel und Erde herrschte. Doch da er allein hatte kämpfen müssen, machte ihn wütend, und er rächte sich an seinen Brüdern. Er nahm die Blätter vom cabbage tree und legte Fallen für die Tiere des Waldes aus, und von den Fasern des Neuseeland-Flachs wob er Netze und fing Fische. So machte tu matauenga seine Brüder zur Nahrung. Nur tawhiri konnte er nicht besiegen, und deshalb besteht die Feindschaft zwischen tu matauengas Kindern (Menschen) und den Stürmen tawhiris noch heute.
In seiner unendlichen Trauer über die Trennung von papa vergoß rangi sehr viele Tränen und ließ so Seen, Flüsse und Meere entstehen. Damit die Erdmutter den weinenden rangi nicht mehr sehen mußte, beschlossen die jüngeren Kinder der beiden, die Mutter zu wenden. Zusammen mit ihrem jüngsten Sohn, ruaumako, den sie noch an der Brust nährte, wendete mataho papa um. Doch zuvor gab sie ruaumako Feuer mit, damit er unter der Erde nicht frieren mußte. Immer wenn ruaumako heute hin und her läuft, bebt die Erde und speit Feuer. Rangis Tränen flossen nun schwächer, aber versiegten nie ganz. Jede Nacht legt sich der geweinte Tau auf den Rücken rangis, die mit einem Seufzen - Morgennebel, die zum Himmel steigen - antwortet.
Tane erschuf schließlich aus dem Lehm - rot durch das Blut, das bei der Trennung seiner Eltern geflossen war - die erste Frau: hine ahu one ("Frau aus der Erde"). Durch die Nasenlöcher atmete er ihr Leben ein und zeugte mit ihr eine Tochter, hine titama, Frau der Dämmerung. Mit ihr lebe er in Blutschande. Als hine erfuhr, dass ihr Mann auch ihr Vater war, verließ sie die Welt des Lichtes (te ao) und ging in die Unterwelt (te po). Dort erwartet hine nui te po, die große Frau der Nacht, wie sie fortan hieß, noch heute alle Kinder tanes, um ihnen endlich Geborgenheit zu geben.